ANGELA ZANDER-REINERT

Malerei

Eröffnungsrede

Galerie am Michel, Hamburg
Oktober, 2011

Bedeutende Köpfe. Warten. Unter Wolken. Auf Trucks.

Bedeutende Köpfe. Warten. Unter Wolken. Auf Trucks. Mit diesen offenbar so unterschiedlichen Themen setzte sich Angela Zander-Reinert in den letzten 12 Monaten auseinander. Wie bei fast allen ihrer Arbeiten, ließ sie sich in ihrem künstlerischen Schaffen von Beobachtungen inspirieren, die sie auf ihren zahlreichen Reisen machte. Wieder Zuhause, stürzte sie sich wie immer mit vollem Einsatz in die Arbeit und verbrachte dabei den Sommer überwiegend in ihrem Atelier, das sie nur selten verließ. Die Eindrücke, die sie unterwegs sammelt, schnellstmöglich bildnerisch umzusetzen, ist dieser Künstlerin nach wie vor ein starkes Bedürfnis, dessen Umsetzung sie voll in Anspruch nimmt. Dabei herausgekommen sind im Laufe des letzen Jahres vier Themenbereiche, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben. - Und doch fügen sie sich ganz selbstverständlich im Titel dieser Ausstellung zusammen, und bei näherer Betrachtung der Werke, die wir hier im Zusammenhang sehen, wird schnell deutlich, dass diese vier Motive nicht nur miteinander harmonieren, sondern einander auch ergänzen und hervorheben.

So sehen wir donnernde Trucks, die viel Kraft, Energie und Gewalt ausstrahlen, und dabei einen starken Kontrast zu den auf einmal gebrechlich wirkenden Menschen bilden, die sie beherrschen und in unmittelbarer Nähe dieser Kolosse leben. Doch bei aller Stärke und Wucht dieser Gefährte, sind es ebendiese Menschen, die den Trucks auch eine friedvolle und sensible Seite verleihen. Sobald die rasenden Kraftpakete einmal stehen, wird deutlich, dass sie neben ihrer zerstörerischen Kraft gleichzeitig auch Sicherheit und Schutz suggerieren, ja sogar eine Art Zuhause für die Menschen bedeuten, die sie steuern. Im Detail wird sichtbar, dass sie häufig liebevoll geschmückt und verziert sind, und gelegentlich ganzen Großfamilien Raum bieten, in dem sie beieinander sitzen. Die gigantisch anmaßenden Trucks erscheinen in diesen Bildern auf einmal erstaunlich friedvoll, ja man kann sagen, fast schon anheimelnd. Der Kontrast zwischen Kraft und Gewalt zu Ruhe und Sicherheit wird hier spürbar in der Verbundenheit des Menschen mit der Maschine. So gehören die Trucks in der heutigen Zeit zum Alltag der Menschen überall auf der Welt, die bei all ihrer Verschiedenheit und Andersartigkeit, ein grundlegendes Element des Lebens verbindet. Das Warten.

überall auf der Welt wird gewartet, und das aus den unterschiedlichsten Beweggründen. Orte, an dem dennoch alle Menschen aus demselben Grund warten sind Flughäfen. An ebendiesen Flughäfen wartete auch Angela Zander-Reinert diverse Stunden, in denen sie voller Ungeduld die offenbar sinnlos vertane Zeit bedauerte, die sie in erzwungener Untätigkeit verbrachte. Dies tat sie solange, bis ihr der Gedanke kam, dass das Warten mehr zu bieten haben könnte, als bloßes Absitzen der Zeit. Sie schaute nach rechts und nach links und stellte fest, dass sie nicht die Einzige war, die wartete. An jedem Ort auf der Welt warten die Menschen, doch augenscheinlich tun sie dies nicht auf dieselbe Art und Weise. So nutzte Angela Zander-Reinert die ihr auferlegte Wartezeit an Flughäfen und anderenorts, indem sie sich ein Bild von den Menschen machte, die um sie herum saßen. Dabei gibt sie in ihren Werken die unterschiedlichen Gewohnheiten der Menschen wieder, die nicht zuletzt und vor allen Dingen an die Mentalität ihrer Kultur gebunden sind. In China beispielsweise, wird offenbar anders gewartet, als in Europa. Im Rahmen dieser Beobachtungen entstanden mehrere Studien, die das Warten der Menschen an verschiedenen Orten zeigen, aber auch die Gelassenheit von Menschen die an tägliches, ausdauerndes Warten gewöhnt sind. In diesem Zusammenhang widmete sich Angela Zander-Reinert in besonderer Weise der indischen Bevölkerung. Hier ist das tägliche Warten, dessen Dauer fast nie abzusehen ist, ein ganz selbstverständlicher Teil des Alltags und keineswegs ein ärgernis, während anderenorts auf die geringste Wartezeit hektisch und panisch reagiert wird. In den Bildern der Künstlerin begegnen uns Menschen in stoischer Gelassenheit, die in - für unsereins - unnachahmlichen Sitzpositionen auf dem Boden kauern, und offenbar keinen Gedanken an die verstreichende Zeit verschwenden. überhaupt scheint Zeit hier keine, bzw. eine andere Rolle zu spielen. Die entstandenen Werke zeugen von einer sensiblen und feinfühligen Beobachtungsgabe. Die Gemütslage der abgebildeten Menschen wird nicht nur durch ihre Körperhaltung ausdrückt, sondern auch und vor allen Dingen durch ihren Gesichtsausdruck, den die Künstlerin in dem für sie typischen Stil, zwar niemals klar zeichnet, aber durch Abstraktion so detailliert übersetzt, dass die Mimik der fokussierten Personen immer deutlich und klar erscheint und aus dem Bild heraustritt.

Bestes Beispiel hierfür sind die Bedeutenden Köpfe, die Angela Zander-Reinert nach dem Vorbild der in der Walhalla ausgestellten Marmorbüsten kreierte. Und dennoch würde man, - wenn man es nicht wüsste - niemals eine Verbindung zwischen den Exponaten der Walhalla und der Version Angela Zander-Reinerts vermuten. Die Künstlerin übersetzt die Gesichter mit viel Farbe und schwungvoller Linienführung in die Moderne, ohne ihnen ihren historischen Bezug zu nehmen. Somit werden die kalten Marmorköpfe zum Leben erweckt, indem die Künstlerin ihnen einen individuellen Gesichtsausdruck verleiht. Dabei ist es erstaunlich, wie sicher sie den jeweiligen charakteristischen Ausdruck der Dargestellten erfasst und neuinterpretiert. Aus unterschiedlichen Perspektiven und Blickwinkeln erschafft sie die großen Persönlichkeiten der Geschichte neu. Nebeneinander betrachtet, scheinen die einzelnen Gesichter Bezug zu einander zu nehmen: Während Richard Wagner hochmütig und skeptisch den Blick abwendet, betrachtet ein schelmischer Johann Wolfgang von Goethe mit Stielauge und offenbar amüsiert, den Nachbarn zu seiner linken. Beethoven blickt unversöhnlich und verbissen aus dem Bild, während Bismarck sich in weiser Vorsehung und beobachtend umsieht. Dabei liegt es nicht zuletzt im Auge des Betrachters, welchen Ausdruck er den Dargestellten verleiht auch diese Möglichkeit bietet die Kunst - und somit werden aus den einst starren in Marmor festgehaltenen Gesichtern, flüssige und wandelbare Persönlichkeiten, deren Gesichtsausdruck sich bei jedem Hinsehen zu verändern scheint.

Dieser Punkt eignet sich bestens als überleitung zu einem Motiv, das ebenfalls dem ständigen Wandel und der steten Veränderung der eigenen Gestalt unterliegt: Den Wolken. Hebt man den Blick, so sind es fast immer Wolken, die das Auge erblickt. Und da der Mensch dazu neigt, im Alltag nur selten den Blick zu heben, sind es auch hier wieder die Reisen, die Angela Zander-Reinert die Ruhe und Muße verschaffen die Schönheit des Himmels wahrzunehmen, die sie Zuhause bei aller Betriebsamkeit häufig übersieht. Im Gegensatz zu den übrigen hier ausgestallten Werken, arbeitete sie bei ihren Wolkenlandschaften stets mit einer Mischtechnik aus ölstiften und Aquarellstiften, die in Verbindung mit Wasser, den bekannten Aquarelleffekt erzeugen. Auf diese Weise entstanden eine ganze Reihe unterschiedlichster Wolkeneindrücke. Hier verlaufen die Farben der Wolken in weiche Gebilde, gehen ineinander über und distanzieren sich voneinander, so dass der charakteristische Eindruck aller Wolkenarten entsteht, der sich von einer festen Masse abgrenzt und Weichheit und Formbarkeit suggeriert.

Mit diesem Motiv schließt sich der Kreis des hier ausgestellten Zyklusses, der in besonders vielfältiger Weise das Prinzip der ständigen Entwicklung und Veränderung in Angela Zander-Reinerts künstlerischem Schaffen aufdeckt. Das Ergebnis ist eine Reihe außergewöhnlicher und sensibler Beobachtungen von Bildthemen, die wir aus dem Alltag kennen - oft ohne sie wahrzunehmen. Mit viel Farbe und Power bringt sie ebendiese offenbar unscheinbaren Gegebenheiten zum Ausdruck und stellt sie in einer völlig neuen Perspektive dar, die dem Betrachter die Freiheit lässt, sie selbst mitzugestalten.

Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Betrachtung der Bilder, und selbstverständlich haben Sie heute Abend auch die Gelegenheit sich an die Künstlerin selbst zu wenden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Katharina Hecker

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