ANGELA ZANDER-REINERT

Malerei

Eröffnungsrede

zur Vernissage am 26. August in der Galerie am Michel
August, 2010

"nordwärts" - Angela Zander-Reinert

Bevor Sie sich die Ausstellung nun in Ruhe ansehen, würde ich Sie gerne auf einige stilistische Besonderheiten der Bilder, sowie auf die Hintergründe ihrer Entstehung aufmerksam machen.

Vor etwa einem Jahr machte die Künstlerin Angela Zander-Reinert eine Studienreise nach Island und Grönland, um sich aus den dort gesammelten Eindrücken, zu ihrer aktuellen Bilderserie "nordwärts" inspirieren zu lassen.
Dazu nahm sie sich die Zeit, vor allem die Vulkaninsel Island mit ihren geologischen Besonderheiten zu erkunden und viele ihrer Eindrücke zunächst fotographisch festzuhalten.
Auf diese Reise folgte ein Jahr intensiver Arbeit, während der sie die dort gesammelten Erlebnisse und Eindrücke, in ihren Bildern umsetzte.
Schon früher unternahm Angela Zander-Reinert Studienreisen, zum Beispiel nach Indien oder nach Burma, um die spezifischen und charakteristischen Eigenschaften des jeweiligen Landes zu erfahren und dieses Erleben anschließend in ihren Werken auszudrücken.
Auf ihrer letzten Reise in den Norden waren es vor allem die raue Ursprünglichkeit der Landschaft und die besonderen Lichtverhältnisse, die die Künstlerin beeindruckten und die sie zum Anlass nahm, sie in ihren Bildern darzustellen.
Daher handelt es sich bei dem auf diese Weise entstandenen Bilderzyklus, bis auf wenige Ausnahmen, um Landschaftsbilder, die neben ihrer geographischen Anschauung aus mehreren Perspektiven, auch unterschiedliche Licht- und Wetterverhältnisse dokumentieren.

In ihren Werken setzt Angela Zander-Reinert die von ihr erlebte Wirklichkeit um, indem sie sich zurückversetzt in die Eindrücke ihrer Reise und sie auf diese Weise, während des Malens immer wieder erlebt und nachempfindet.
Der eigentliche Bildgegenstand tritt dabei in den Hintergrund, zugunsten eines freien und kreativen Schaffungsprozesses.
Das bedeutet, es geht der Künstlerin keineswegs um eine korrekte oder genaue Darstellung, wie sie beispielsweise auf einem Foto zu sehen wäre, sondern um den besonderen, charakteristischen Ausdruck einer Landschaft, den sie in freier und spontaner Malweise wiederzugeben sucht.
Der ursprüngliche Gegenstand dient dabei lediglich als Einstieg in die Arbeit, quasi als Projektionsfläche für die Atmosphäre der Landschaft, wie sie die Künstlerin erlebt und empfunden hat und im Prozess der Malerei noch einmal intensiv wiedererlebt.
Aus diesen Empfindungen heraus erfindet sie den ursprünglichen Gegenstand neu, indem sie ihn mit Hilfe von Farbe und unterschiedlichen Oberflächenstrukturen zu einem eigenen, neuen Bild zusammenfügt.

Dabei ist die Farbe das wohl markanteste Stilmittel von Angela Zander-Reinert.
In fasst all ihren Werken ist es vor allem die intensive Farbigkeit, die dem Betrachter zuerst ins Auge fällt und natürlich zeichnen sich auch die "nordwärts-Bilder" durch ihren kraftvollen und leuchtenden Farbgehalt aus.
Damit die Bilder bei derartiger Farbintensität nicht überladen wirken oder den Betrachter förmlich erschlagen, wird die Farbe dort, wo sie stark und dominant zum Einsatz kommt, an anderer Stelle ganz bewusst zurückgenommen.
Auf diese Weise findet ein Ausgleich statt, der den Werken, bei all ihrer Lebendigkeit und Unruhe, ein harmonisches Gesamtbild verleiht.
Gleichzeitig studiert und erprobt sie anhand der Kontraste von intensiv leuchtenden Farben und bewusster Zurücknahme das Verhältnis der verschiedenen Farben zueinander.
Durch immer neue Kombinationsmöglichkeiten erzielt sie die für sie charakteristischen Farbeffekte, die aus der Verbindung der einzelnen Farbnuancen hervorgehen und die längst zum Markenzeichen von Angela Zander-Reinert geworden sind.
Der Focus eines Bildes wird dabei stets durch seine kräftige Farbigkeit festgelegt und betont, während die übrige Fläche, in weniger dominanten Farben, in den Hintergrund tritt.
Dieser Focus, also der Kern der Bildaussage, muss dabei nicht unbedingt im Bildvordergrund, also in der vorderen Bildebene zu finden sein, sondern wird häufig auch bewusst in eine hintere Bildebene versetzt.

Bei den "nordwärts-Bildern" kommt außerdem eine besondere Eigenart hinzu:
Ein Großteil der Bilderserie ist auf rotem Untergrund gemalt.
In vielen dieser Bilder kommt ebendieser Untergrund durch die �bereinander gelagerten Farbschichten an verschiedenen Stellen zum Vorschein.
Neben einem Eindruck von Lebendigkeit und Spannung kommt der roten Grundierung noch eine besondere Bedeutung zu:
Sie symbolisiert das Kräfteverhältnis der Lava, die durch die Gesteinsplatten der Erde unter Verschluss gehalten wird, jedoch auf der Vulkaninsel Island immer wieder ihren Weg an die Oberfläche sucht und findet.
Dieses Spannungsgefüge, das Brodeln unter der Erde und die Energie, die durch die Erosionen der Erde spürbar ist, wird auf diese Weise ins Bildliche übertragen, indem das Rot der Grundierung immer wieder an die Oberfläche dringt.
Gleichzeitig bekämpft die Künstlerin die Aggressivität, die von einer roten Leinwand ausgeht, indem sie sie mit Farbe verschließt, ebenso, wie die vernichtende Kraft der Lava durch die schützenden Erdschichten begrenzt wird.
Neben dem markanten Stilmittel der Farbigkeit variiert und experimentiert Angela Zander- Reinert auch immer wieder mit der haptischen Oberflächenstruktur in ihren Bildern. Dabei erprobt sie - ähnlich wie bei den Farben - die Wirkung und das Zusammenspiel unterschiedlicher Arbeitsmaterialien und Techniken. Dazu zählen zum Beispiel unterschiedlich starke Öl- und Graphitstifte, sowie Aquarellstifte, die in Verbindung mit Wasser die für Aquarellmalerei typischen fließend weichen Farbverläufe erzeugen.
Durch die Verwendung der unterschiedlichen Stifte entsteht ein neues, breit gefächertes Spektrum an Möglichkeiten, die Bildstruktur zu gestalten und Dynamik und Spannung zu erzeugen.
Der Effekt der variierenden Oberflächenstruktur fällt in Angela Zander-Reinerts Bildern umso mehr ins Auge, da auch hierbei häufig starke Kontraste erzeugt werden.
Beispielsweise steht die fast geradlinige, flächige Struktur einer Bergwiese in Kontrast zu dem chaotischen Gewirr von Linien und Flächen, die das Geröll eines Abhanges darstellen. Die verschiedenen Techniken kombiniert Angela Zander-Reinert auf unterschiedlichste Weise in ihren Werken, so dass bei einigen Bildern von "Mischtechnik" die Rede ist.

In ihrem künstlerischen Wirken verfolgt Angela Zander-Reinert stets das Prinzip der ständigen Weiterentwicklung und Veränderung, ohne sich von ihrem charakteristischen Stil zu lösen.
Dazu variiert sie sowohl in ihren Bildmotiven, als auch in ihren Arbeitsmaterialien und Techniken und stößt dabei auf immer neue Variationen der Bildgestaltung.
Mit der hier ausgestellten Bilderreihe "nordwärts" haben Sie nun die Gelegenheit, die aktuellsten Ergebnisse dieses immer andauernden Prozesses ihres künstlerischen Werdegangs zu betrachten und darüber hinaus der Künstlerin selbst Ihre Fragen zu stellen.

Katharina Hecker

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